VIMARIA REYCH 85
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Was ist die Schlaraffia ?

Erklärungsversuch Nr. 571.276 (von Rt. Nix-Nutz 120)

Seit der Gründung der Schlaraffia (1859) hat jedes Mitglied - und es müssen ungefähr insgesamt inzwischen um die 600.000 gewesen sein -wenigstens einen Versuch gemacht, eben diese Schlaraffia zu erklären. Nur gibt es für eine unerklärliche Faszination keine wirklich umfassende, haltbare und noch dazu verständliche Erklärung. Es gibt nur den Versuch dazu... und dieser ist - siehe oben - ein weiterer, jedoch zweifelsfrei auch nicht der letzte. Immerhin mutet er ob der Wortwahl und der Vergleiche, ob des 'lässigen Umgangs mit dem hehren Erbe', durch die Kratzer am I-Punkt der in Jahrzehnten formulierten Texte unseren Traditionalisten einige Toleranz zu. Sei's drum :

Wer zum ersten Mal schlaraffische Luft schnuppert, ist in aller Regel ziemlich verwirrt: eine Optik, die man eher bei einem Karnevals- verein erwarten würde, als bei 'gesetzten Herren', ein höchst merkwürdiges Gehabe (was bedeutet das Armkreuzen vor der Brust und das „LULU" als Begrüßungswort ?), Regularien wie bei einer Burschenschaft oder einer Loge, und, und, und. Man(n) redet ständig von den Idealen Kunst, Humor und Freundschaft, wirkt überzeugt, aber oft nicht überzeugend, stiftet mehr Durcheinander der Gefühle, als Klarheit,

Bräuche, Rituale und Überzeugungen

Anno 1859 gab es in Prag ein Theater... und viel Theater neben dem Theater, nämlich das 'k.u.k.-Gehabe', Unterwürfigkeit gegenüber dem Kaiser, dem Adel, Titeln etc. etc. Außerdem gab es natürlich für die Damen die Salons und für die Herren diverse Männervereinigungen, in denen Beziehungen gepflegt und Themen diskutiert wurden, die Bildung waren oder wenigstens vortäuschten. Salons und Männervereine schufen einen Status-Charakter, auch ein Gefühl der Sicherheit gegenüber den Neuerungsideen der Revolution von 1848.

Künstler, vor allem Theater-"Stars", waren in diesen Vereinen natürlich gern gesehen, schon als kulturelles Symbol. Nur mußten sie 'passen', würdige Sponsoren vorzeigen können, einen Lebenswandel, der - na,ja -zwar etwas Bohemien sein durfte, aber nicht zuviel. Bis 1859 hatten sich die Prager Künstler einigermaßen damit arrangiert.

Aber dann gab es den Antrag eines Künstlers auf Mitgliedschaft in einem der edlen Männerbünde. Dieser Antrag wurde abgelehnt, weil der Unglückselige weder die richtigen Beziehungen aufwies, noch sich durch Geld einkaufen konnte, noch irgendeinen unverzichtbaren Titel trug. Er war gesellschaftlich ein Nobody ... und Nobodies sind in seriösen Kreisen eben einfach inakzeptabel.

1848 wirkte nach. In sensiblen Künstlern ganz besonders. Einige revoltierten, erklärten sich solidarisch mit dem Abgelehnten und gründeten -programmatisch - einen Verein mit dem kennzeichnenden Titel „Prole-tarierklub" : die Urzelle der Schlaraffia (die spätere Umbenennung hat zweifelsfrei auch irgendwelche Gründe, nur sind die nicht überliefert).

Freunde

Wer solidarisch ist, fühlt sich als Freund. Und Freundschaft gehört seit der Gründung deshalb zu den Idealen der Schlaraffia. Nun ist es lebensfremd anzunehmen, daß rund 50 „Sassen" eines SchlarafFen-'Reyches' sich als untrennbare Freunde sehen. Aber die für alle gemeinsame Zielsetzung verbindet und glättet, durch die regelmäßigen Treffen lernt man sich besser kennen und kann daraus Freundschaften entwickeln. Heute würde man wohl eher von gegenseitiger Toleranz sprechen, davon, den Anderen als Menschen so zu lassen und zu akzeptieren, wie er ist, ohne ihn nach eigenen Vorstellungen formen zu wollen. Dazu dienen auch die schlaraffischen Tabus: wir sprechen weder über Religion, noch über die Politik oder über Business. Die menschliche, geistige Beziehung ist uns wichtiger, als 'Beziehungen' zu nutzen. Und deshalb ist der 'Status', den ein Schlaraffe 'profan' hat, auch nicht wichtig, deshalb werden Nobodies gern akzeptiert, wenn sie nur 'vom gleichen Geiste' sind.

Die Urväter der 'hohen Praga' hatten nicht nur gleiche Vorstellungen vom Umgang miteinander, sie waren auch allesamt Künstler. Schauspieler, Sänger, Maler. Kein Wunder also, daß die Pflege der Kunst ein erklärtes Vereinsziel wurde - und bis heute blieb. Im Gegensatz zu einem Kunstverein verstehen die Schlaraffen allerdings Kunst nicht als Lehrgegenstand, sondern als Interesse. Deshalb gibt es keine 'Vorlesungen' über Details, Zusammenhänge etc., vorherrschen soll einfach die Freude an Musik, Literatur, Malerei. Wir möchten diese Freude an eigenen Entdeckungen an Freunde weitergeben, um sie anzuregen und zu begeistern ... ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger.

IUnd der Humor? - Wer 1859 als Bohemien das ganze Statusdenken und den Formalismus um sich herum ertragen wollte, konnte das nur mit Humor, Distanz, Satire. Wir Schlaraffen belächeln uns und andere noch heute mit Vergnügen, haben Freude am Witz, Esprit - bis hin zu dem, was wir „höheren Blödsinn" nennen. Abstrusem, Aber-Witzigem.

Erscheinungsbild

Aus der inneren Distanz zu den Kleidungs- und Verhaltenssitten der 'ehrenwerten' Bürger heraus entstanden dann auch die schlaraffischen Aus-Rüstungen und Rituale. Die Prager 'Proletarier' wollten natürlich genüßlich den Adel auf die Schippe nehmen, mußten das jedoch so tun, daß zwar jeder Insider wußte, was gemeint war, daß es aber keinerlei Ärger mit der hohen Obrigkeit gab.

Die Lust an der Persiflage führte in der Gestik zu der 'Sklavenhaltung' mit vor der Brust gekreuzten Armen und dem tiefen Diener beim 'Lulu', das ja dem „habe die Ehre, Herr Graf' entsprach. Natürlich macht man dabei ein höchst würdiges Poker-Gesicht, um die unendliche Verehrung seines Gegenübers deutlich zu machen. Der Schalk dahinter, das Nicht-emst-nehmen des eigenen Gehabes, das Wissen darum, daß der andere genau dies weiß, daß es ein Spiel ist, eine (Bühnen-) Rolle, dies alles bringt schon bei der Begrüßung eine fröhliche Distanz zum eigenen Tun. Selbstverständlich wird beim Betreten der Burg auch der UHU so begrüßt, der der schlaraffische Er-satz für Kaiser, König oder Vorstandsvorsitzenden ist.

Unsere Rüstung, der mehr oder minder wallende Rittermantel, der Helm oder das Barett, ist zwar innerhalb der Reyche unterschiedlich (was sich als sehr praktische Hilfe zur Identifizierung 'fremder'Sassen erweist), ist jedoch innerhalb eines Reyches absolut gleich. Kein Schlaraffe hat die Chance, sich durch einen besseren Stoff, durch edle Applikationen oder dergleichen vom anderen abzuheben. Gleichzeitig verschwindet ja das profane Rangabzeichen eines Maßanzuges oder eines billigen von der Stange unter dem Mantel, der „Status" ist hin. Aber - Künstler wissen ja, was Eitelkeit ist - man kann sich gewaltig aufpeppen und irgendwelche 'Orden' oder Abzeichen demonstrieren. Grundsätzlich gibt es dabei zweierlei (die der Eingeweihte natürlich auf Anhieb erkennt und wertet): zum einen erhält man beim ersten Besuch in einem anderen Reych sogenannte 'Willekum'-Orden, die deutlich machen, daß man weit herumgekommen ist. Zum ändern wird praktisch jeder Beitrag, ob eine (aus eigenem Geist gemachte) „Fechsung" oder ein (zitierter) „Vortrag", nicht nur genüßlich vom Fungierenden 'gewürdigt', sondern auch mit einem 'Ahnen' belohnt, der aus 'Gold', 'Silber', 'Bronze', aus Holz, Plastik oder sonstwas besteht. Wer sich die Willekums oder Ahnen anheftet, kann jedem ernsthaften General locker Konkurrenz bieten.

Regeln

Natürlich mußte auch eine persiflierte Rangordnung her: der blutfrische Prüfling ist an einer Mütze erkennbar, die überhaupt kein Erkennungszeichen trägt. Der Knappe bekommt, sobald er offiziell 'gekugelt', d.h. mit einer Mehrheit von 4/5. der Anwesenden gewählt wurde, dann eine 'Sturmhaube' mit einer (je Reych fortlaufenden) Nummer. Wird er zum Junker 'erhoben', trägt er statt der Nummer seinen Vornamen an der Haube. Erst mit der Ritter-'Würde' darf er dann einen Mantel tragen ... und am 'Helm' einen möglichst 'geistreichen' Rittemamen, der ihn für den Rest seines Schlaraffenlebens begleitet. Bis dahin hat der Frischling auch schon gelernt, daß der 'Fungierende' - der diensttuende Moderator eines Triumvirates, das für jedes Jahr neu gewählt wird - als „Eure Herrlichkeit" anzusprechen ist, der Kanzelar als „Vieledler", sein Vorgesetzter, der Junkermeister, als „Gestrenger", daß die Schlaraffen nicht essen, sondern atzen, daß sie laben, anstatt zu trinken, daß ein Bier Quell heißt, daß ein satirisch-überzogener Gehorsam gegenüber Dienstälteren ebenso wichtig ist, wie die Pflicht, aufmüpfig gegen die Obrigkeit vorzugehen, und daß die füngierende Herrlichkeit so unfehlbar und unangreifbar ist (nur während sie dran ist, sonst nicht), daß sich ein Diktator oder der Papst voller Neid unterbewertet fühlen müssen.

Dies alles lernt man aus dem 'Spiegel' bzw. 'Ceremoniale'. Ein Spiel braucht ja gewisse Regeln, das wußten auch Künstler. Zum einen erleichtert es das Zusammenkommen der Sassen in unterschiedlichen Reychen (alles ist wie zuhause, nur die Gesichter sind neu), zum ändern grenzt man Profilneurosen aus, wenn ein verbindliches Grundverhalten fixiert ist. Schlaraffia ist ein Spielfeld für alle, keine Solistenbühne ! Natürlich haben sich unsere Gründer Mühe gegeben, möglichst jeden nur denkbaren Vorfall 'gesetzlich' zu regeln. Und natürlich ist es ihnen nur höchst unvollkommen gelungen. Aber entscheidend ist eben, daß die Plattform stimmt.

Zu dieser Plattform gehört selbstverständlich auch die Vorgabe für den Verlauf einer Sippung: ein kurzer sog. l. Teil, der Infos über andere Reyche etc. beinhaltet, dann der 2. Teil, der ein Thema haben kann, aber nicht muß (und jedem erlaubt, auch etwas zu einem anderen Thema zu sagen, sofern er etwas zu sagen hat... auch, wenn er noch Gast/Pilger ist).

Eine sog. Fechsungsliste'wird herumgereicht, auf der man sich einträgt, und zwar mit der vorgesehenen Dauer (die in der Regel nicht über drei Minuten liegen soll, in Ausnahmefällen, Dias etc., auch bei sieben). Der Füngierende (Moderator) hat damit und mit der Kenntnis der Naturelle seiner Sassen die Möglichkeit, die Reihenfolge festzulegen.

In 3 Minuten ßt sich nichts, aber auch gar nichts, wirklich bis ins Tiefste hinein ausleuchten. Man könnte also meinen, wir blieben immer oberflächlich. Doch das täuscht. Wir sehen durchaus einen niveauvoll unterhaltsamen Sippungsabend als Gewinn, ob er ernst und besinnlich, oder vergnügt, fröhlich verläuft. Die weitaus stärkere Wirkung sehen wir jedoch darin, daß jeder mit Anregungen eines anderen konfrontiert wird, aus denen er etwas machen kann. Die Überraschung in den Beiträgen ist ja ein völlig anderes Moment, als wenn man sich entschließt, eine bestimmte, thematisch präzise vorgegebene Veranstaltung zu besuchen. Das schlaraffische 'Springen' führt ja dazu, daß immer nur eine Teilgruppe sich voll angesprochen fühlt, die Übrigen sich jedoch auch nicht 'genervt' fühlen: es dauert ja nur 3 Minuten'. Und noiens volens nimmt man ein Spektrum, Ansichten wahr, die man ohne Schlaraffia überhaupt nicht kennenlemen würde, ( Wer im Deutschunterricht z.B. die Lyrik 'gefressen' hatte, würde niemals einen Lyrikabend 'buchen , muß sie aber nun anhören, weil der andere ja auch bei seinen Beiträgen zuhört ... lernt kennen, urteilen iihnmt mit, vertieft).

Schlaraffen bleiben frisch

Im übrigen: wer einen Beitrag leistet, lernt auch, ohne Komplexe zu reden, vor Freunden, nicht vor einem kritischen Zuhörerkreis. Das macht frei und übt für 'profane'Ansprüche. Und noch etwas lernt er: ein bißchen strengt die Vorbereitung auf den 'Rostra'- Auftritt an, ebenso, wie das Zuhören, die Konzentration bei ständig wechselnden Rednern und Themen. Diese 'geistige Sauna' - das Schwitzen und Entspannen -bietet nur die Schlaraffia... und hält damit den Geist so frisch, wie die finnische Sauna den Körper.

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